Pferdegedanken I

Foto: Raimund Kniffki
Foto: Raimund Kniffki

Ich bin ein Pferd.

 

Ich bin ein Fluchttier. Meine Stärken und mein Schutz sind mein gutes Auge, schnelle Reaktionen und Tempo. Ich erkenne Bewegungen lange bevor sie der Mensch erkennt, um dann zu beurteilen, ob eine Gefahr vorliegt. Ich muss entscheiden, ob andere Lebenwesen auf Raubzug sind oder nicht.

Ich werde in eine Welt voller Gefahren geboren.
In eine Menschenwelt!

 

Die ersten Monate bin ich bei meiner Mama und darf mit ein paar anderen Kumpeln auf der Weide toben. Hier lerne ich das was Menschen „Sozialverhalten“ nennen. Ich darf mit meinen Freunden über die Wiesen toben. Meine Mama beschützt mich und erklärt mir des Öfteren, das ich wohl etwas übertreibe. Es ist schön auf der Wiese, so nach Herzenslust rennen und fressen zu können.
Nach einigen Monaten werde ich in eine große dunkle Kiste geführt, eingesperrt und Mama muss draussen bleiben. Es rumpelt in der Kiste und ich muss sehen, das ich auf meinen Füßen stehen bleibe. Mit dem Gleichgewicht ist es bei mir nicht so doll.
Als die Kiste wieder aufgeht bin ich woanders. Mama ist nicht da?

 

Ich werde auf eine Weide mit anderen Pferden gebracht. Wo sind meine Freunde? Wo ist Mama? Die anderen Pferde sind doof. Ich vermisse meine Freunde und meine Mama!

Nach einiger Zeit freunde ich mich doch etwas mit meinen jetzigen Weidegenossen an. Aber ich denke noch oft an meine Mama. Meine neuen Freunde sind schon nett. Da ist einer dabei der kann super toll mit den Vorderfüßen wedeln! Ein anderer kann super schnell rennen! Ich bin dafür groß und komme an die untersten Zweige der Bäume ran und kann die Blätter fressen. Dann ist da noch einer der immer Blödsinn machen will und mir immer in den Hintern beißt.
Ab und zu kommen die Zweibeiner und wollen mir so einen komischen Strick um den Kopf wickeln. Nee, lasst mal gut sein. Dann muss ich wieder in die große dunkle Kiste und werde wieder woanders hingebracht. Nein Danke. Aber leider machen die Zweibeiner das nicht lange mit. Jetzt kommen viele von den Zweibeinern und treiben mich in eine Ecke. Ich bin kein großer Kämpfer, aber die Angst beflügelt mich. Irgendwann kann ich dann einfach nicht mehr - Bitte - Nehmt mich mit. Tschüß Freunde!

Sie führen mich hinter der große Haus, wo das duftende Futter drin liegt. Da wartet ein anderer Zweibeiner mit einer großen Kiste. Es stinkt ein wenig nach Verbranntem. Auch die Hände stinken nach Feuer. Ich weiß nicht was die von mir wollen – ich hab Angst, ich will hier weg!
Was wollen die von mir? Ich versteh das nicht? Jetzt kommt einer und versucht mir ein Bein wegzuziehen, aber er weiß nicht, dass ich dann umfalle. Nein nicht .- ich falle um, wenn du das tust! Lass endlich mein Bein los, geh weg, lass mich in Ruhe - Ich versuche wirklich alles, aber letztlich schafft es der Zweibeiner mir das Bein wegzuziehen und festzuhalten. Ich stehe da. Todesangst! Ich zittere am ganzen Körper. Wenn jetzt etwas passiert und ich weglaufen muss. Den Zweibeinern kann ich nicht trauen und ich selbst kann nicht wegrennen. Hilft mir den Niemand? Mama?

Ich komme zurück zu meinen Freunden und erzähle erstmal von dieser Tortur. Ich bin froh, dass ich das überlebt habe! Naßgeschwitzt muss ich mich erstmal wälzen, um die kleinen Plagegeister von mir abzuhalten!

 

Ein paar Tage später kommen zwei Zweibeiner auf die Wiese. Einen davon hab ich schon öfter gesehen, den anderen kennen ich nicht. Sie legen mir das Halfter um und ich weiß nicht was kommt. Aber den einen Zweibeiner hab ich schon ein paar mal gesehen und ich glaube dem könnte ich Vertrauen. Während ich das denke, piekt mir der andere mit etwas in den Hals. Es tut weh. Plötzlich brennt es da, wo der Mensch mich gepiekt hat. Warum hilft mir der andere Mensch nicht?

Ich dachte ich kann wenigstens ihm vertrauen!?

 

Horse-Human-Harmonie, 03.05.2016